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GAULT MILLAU 2010
 

marco müller hatte es trotz seiner unkomplizierten, jugendlichen art nie ganz leicht im kreis der hauptstädtischen herdkünstler. denn seine äußerst fantasievollen, immer verspielten und gelegentlich überladenen kombinationen spalten die gästeschar in fans und feinde. dabei steht sein handwerkliches können außer frage und er schafft es seit jahren, immer wieder zu überraschen. der ewigen diskussionen um seinen stil nimmt er nun aber doch die spitze durch eine veränderte speisekarte. exzessiv-jünger werden beim mm-spezial menü mit bis zu zehn gängen gewiss keine produkt- oder gewürzarmut erleben. für verirrte puristen gibt es hingegen genügend gerichte, die sich mit weniger komponenten pro teller bescheiden.

wir taten dies bei geschmortem schweinsfuß und king crab, kohlrabi/blutwurst-ragout und pfifferlingscassolette, wo der kohlrabi zwar die intensiven blutwurstaromen gut in schach hielt, die zarten pilzaromen aber übertönte. ähnlich unharmonisch fanden wir den - in jedem detail sehr gelungenen - gebackenen kalbskopf mit kaisergranat auf einem blumenkohlpüree zum kräftig säuerlichen bohnensalat mit tomate, zumal sich die gemüse auch nicht mochten.

bestens geriet dafür der gegrillte seesaibling auf rucolacréme im safransud mit weißem tomatensorbet und dehydrierten schwarzen oliven. auch das dreierlei vom big eye-thunfisch mit tomaten/brot-salat und einem köstlichen schwarzen oliveneis spielte die vielfalt der aromen perfekt aus, ohne sie in anstrengende konkurrenz treten zu lassen. und beim limousin-lammrücken mit sobrassada/paprika-ragout und einer bemerkenswerten fenchelcréme mit pimentjus und köstlichen kleinen limettengeleewürfeln wechselten wir einfach von beilage zu beilage.

bei den desserts genossen wir schließlich eine auch puristen beglückende charlotte aus salziger ziegenmilchcréme zu himbeeren und weißem pfirsich, der weiße mandeln und sauerampfereis zusätzliche akzente setzten. in der summe erklären wir die debatte um müllers stilistik hiermit für beendet und spendieren ihm den verdienten 17. punkt, den er, nimmt man nur sein herausragendes kochkönnen, schon länger verdient.

gleichermaßen lob verdient auch die perfektion, mit der billy wagner aus einem gewaltigen fundus von mehr als 600 weinen (der weinhandlung) immer den passenden herausfischt, und das mit einem zwar etwas undurchschaubaren, aber unter dem strich sehr gästefreundlichen korkgeld-konzept. seine kompetenz und unprätentiöse art sind eine bereicherung für die berliner szene. nicht wenige gäste fürchten die lange treppe, die vom bistro im parterre nach oben in das schlicht-elegante restaurant führt: hinauf geht es meist noch leicht, aber der rückweg wird duch die vinophilen verlockungen leicht zum alkoholtest wider willen.




tagesspiegel vom 14.02.2010 | berlins köche bekommen eins auf die mütze

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